Klaus Mertes SJ Kolumne

MERTES´ MEINUNG

Einfach mal einander zuhören

Identitätspolitik, Diversität und Cancel-Culture – Wer bitte blickt da noch durch?

Wolfgang Thierse, ehemaliger Präsident des Deutschen Bundestages, Bürgerrechtler, Sozialdemokrat und Katholik, hat eine Debatte um Identitätspolitik und Cancel-Culture entfacht. Ausgangspunkt ist sein Gastbeitrag in der FAZ vor einigen Wochen. Seine Frage lautete: Wieviel Identität verkraftet eine Gesellschaft?

In dem Beitrag problematisiert er die Vorstellung, Diversität zum „Ziel aller sozialen und kulturellen Anstrengungen zu erhöhen.“ Die jüngst entfachte Debatte darüber, ob eine weiße Frau das Gedicht einer schwarzen Frau übersetzten könne/dürfe – konkret geht es um ein Gedicht von Amanda Gorman, das diese bei der Inauguration von US-Präsident Joe Biden vortrug –, wird wohl ein Beispiel dafür sein, was Thierse damit meint, wenn er sagt, dass „normale Leute“ den Sinn solcher Debatten nicht mehr verstehen.

Thierse sieht in diesen Verstiegenheiten auch einen Grund dafür, warum LINKE, GRÜNE und SPD den Kontakt zu großen Teilen der Arbeiterschaft verloren haben. Mit der linken Kritik am kulturpolitischen Furor der Cancel-Culture steht Thierse nicht allein. Auch Sarah Wagenknecht und andere haben sich schon ähnlich geäußert. Zu Recht, wie ich meine.

Das Thema spaltet

Die Empörung über Thierse konzentriert sich u.a. darauf, dass er den Begriff von den „normalen Leuten“ angeblich unkritisch verwendet. Klar.

Ausgrenzung und Diskriminierung richteten und richten sich oft genug gegen Menschen, die als „nicht-normal“ abgestempelt werden.

Ein unterscheidender Umgang mit dem Begriff „normal“ ist also angebracht. Es ist Thierse auch voll und ganz zuzutrauen, dass er dieses Unterscheidungsvermögen besitzt. Es ist aber unangemessen, zum Hammer zu greifen und mit Anspielung auf Pauls Celans Todesfuge zu erwidern: „Die Norm ist ein Fetisch aus Deutschland.“ (Vgl. Tagesspiegel, 12. März 2021) Es würde ja reichen, einige Unterscheidungen zu unterstreichen, die sicherlich ganz im Sinne von Thierse wären. Stattdessen wird mit dem großen Gedicht Celans („Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“) gespielt, um jemandem eins auf die Rübe zu geben – und das auf eine Weise, die niemand versteht, der nicht die entsprechenden Bildungsvoraussetzungen hat.

immer mehr Menschen verstehen diese Debatten nicht mehr

Und da sind wir wieder bei Thierses Thema: Immer mehr Menschen verstehen diese Debatten nicht mehr. Das ist ein gefährliches Nicht-Verstehen, denn es bringt soziale Spaltung zum Ausdruck und vertieft sie.

Was dagegen hilft, ist: Zuerst mal einander zuhören.

Was Ignatius von Loyola über jeden „guten Christen“ sagt, wäre auch für den gesellschaftlichen Diskurs zu beherzigen: Es ist „vorauszusetzen, dass jeder gute Christ (zunächst) eher bereitwillig sein muss, die Aussage des Nächsten zu retten als sie zu verurteilen.“ Ohne dieses fundamentale Wohlwollen geht der Zusammenhalt vor die Hunde. Erst wenn dieses Wohlwollen wirklich nicht mehr möglich ist, sind die nächsten Schritte dran.


Klaus Mertes

Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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