Schule Kirche

Zusammenleben  

Mehr als ein Beiboot

Von den Chancen katholischer Schulen

Der Papst schreibt katholischen Schulen eine zentrale Rolle für den Erneuerungsprozess der Kirche zu. Doch in den strategischen Debatten der Diözesen und im synodalen Prozess der deutschen Kirche spielen Bildung und Schule kaum eine Rolle.

Es ist schon bezeichnend: Das jüngste Papier der römischen Bildungskongregation, „Die Identität der katholischen Schulen – für eine Kultur des Dialogs“, liegt in Italienisch, Französisch, Spanisch und Englisch, nicht aber auf Deutsch vor. Der Papst schreibt den katholischen Schulen eine zentrale Rolle für den Erneuerungsprozess der kirchlichen Identität zu. Mehr noch, er gibt den Schulen weltweit eine Schlüsselrolle im kirchlichen Einsatz für eine geschwisterliche Menschheitskultur des Dialogs der Kulturen und Religionen sowie im Dienst der Schwächsten. Dagegen spielen Bildung und Schulen in den strategischen Debatten der Bistümer und im synodalen Prozess der deutschen Kirche kaum eine Rolle. Ja sie drohen – wo noch nicht geschehen – bei den unvermeidlichen Spardebatten stillschweigend unter die Räder zu kommen.

Statt in dieses Zukunftsfeld entschieden zu investieren, werden Schulen mitgeschleppt wie teure Relikte aus volkskirchlichen Zeiten. Kerngeschäft sind Gemeinden und Pastoral. Hier hält das Papier der Bildungskongregation entschieden dagegen. Es „wird klargestellt, dass das erzieherische Handeln der Kirche durch die Schulen nicht auf eine bloße philanthropische Arbeit reduziert werden kann, die darauf abzielt, einem sozialen Bedürfnis zu entsprechen, sondern einen wesentlichen Teil ihrer Identität und Sendung darstellt.“

Aber auch Schulen haben sich in dieser Situation eingerichtet. Im Bild gesprochen: Sie bekamen vermittelt, das Beiboot der Kirche zu sein, weitgehend unbeachtet und nur mit dem Notwendigsten ausgestattet. Das Beiboot fuhr in den letzten Jahrzehnten vollbesetzt zunehmend dem entvölkerten Mutterschiff davon, wo eine verbliebene und alternde Mannschaft um den Kurs stritt, obwohl der Motor längst defekt war. Aber seit deutlich wird, dass die dramatischen Umbrüche in der Kirche auch vor den Schulen nicht haltmachen werden, erfolgt auch hier das Erwachen.

Schulen zur Milieustabilisierung

Worin wurzelt dieses Missverhältnis? Ich meine: in einer ungeklärten Auftragsbestimmung. Konfessionelle Schulen hatten über ein Jahrhundert einen klaren, von allen Beteiligten akzeptierten Auftrag: Sie sollten in einer von konfessionellen Milieus geprägten Gesellschaft diese Milieus stabilisieren und für deren Generativität sorgen. Bis heute prägt dieser Auftrag die Leitbilder katholischer Erziehung, in Teilen auch die vorliegende Instruktion. Eltern und Schule vereint in der Sorge für die katholische Erziehung der Kinder. Der Auftrag, junge Menschen hin auf eine katholische Identität zu bilden, ging Hand in Hand mit dem Auftrag, für die Generativität von katholischen Milieus Sorge zu tragen. Dieses „Geschäftsmodell“ wurde vom Staat gefördert. Denn die konfessionellen Milieus versprachen, jenes Wertefundament nachhaltig zu schaffen, für das der Staat selbst nicht sorgen kann, auf dem er aber steht.

Ab Mitte des letzten Jahrhunderts begannen sich die konfessionellen Milieus endgültig aufzulösen. Ab den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts konnten oder wollten auch katholische Eltern mehrheitlich die kirchliche Sozialisation ihrer Kinder nicht mehr in gewohnter Weise übernehmen. Damit wäre eigentlich eine Auftragsklärung zwischen den kirchlichen Trägern und ihren Schulen fällig gewesen. Wie Charles Taylor richtig beschreibt, verändert die säkulare Option, also ein jederzeit und situativ mögliches Nein zu tradierten Modellen der Lebensausrichtung, die Bedingungen für alle, auch die Gläubigen.

Es entsteht eine fluide Gesellschaft, in der Menschen sich situativ für oder gegen Zugehörigkeiten entscheiden. Diese neue Offenheit des Horizontes bietet nicht nur Herausforderungen, sondern auch Chancen, Menschen neu zu erreichen.

Wo der Kopf überhaupt einmal aus dem Sand des Krisenmodus gehoben wird, wird von Neu-Evangelisierung geredet. Wo aber will Kirche eigentlich überhaupt bei der Evangelisierung ansetzen, in einer Welt und in Bildungskonzepten geprägt von hermetischer Immanenz? Wie jenen Spalt offenhalten, damit Menschen überhaupt mit einer Möglichkeit von Transzendenz rechnen? Wo also die Frage nach Gott offenhalten, wenn nicht über Bildung?

Eine Antwort bedürfte allerdings eines Bildungskonzeptes, das sich nicht im Vorhandensein des Fachs Religion und von Schulseelsorge erschöpft. Im Gegenteil: Es bedürfte zunächst eines Bewusstseins dafür, wie ungeeignet die überkommenen Bildungskonzepte und die üblichen Mittel der Pastoral für diese Situation sind. Sie arbeiten mit der Fiktion, junge Menschen zu adressieren, die in einer „katholischen Welt“ verwurzelt sind. Ein Schulgottesdienst etwa ist unter den heutigen Vorzeichen etwas völlig anderes als ein Gottesdienst in der Gemeinde. Wer damit nicht reflektiert umgeht, überschreitet die Schwelle der Indoktrination und schadet nachhaltig dem kirchlichen Auftrag, Menschen über Bildung, das heißt in Freiheit überhaupt erst einmal dafür zu gewinnen, dass sie im Leben mit Gott als Möglichkeit rechnen.

St. Blasien Internat
Blick auf das St. Blasien im Schwarzwald: Das Jesuitenkolleg zählt zu den bekanntesten katholischen Schulen im deutschsprachigen Raum (Foto: © Reiner/iStock.com)

Schulgottesdienste nur noch von religiösen Profis?

Viele Träger und katholische Schulen haben diese Herausforderung bisher aber nicht grundlegend genug angenommen. Warum? Unter den Amtsträgern war eine negative Lesart der gesellschaftlichen Entwicklung verbreitet mit den Schlagworten „Individualismus“ und „Relativismus“. Viele Träger übten sich also in Profilbewahrung im Sinne der „Schadensbegrenzung“. Schulleitungen und Lehrende versuchten einfach den Erwartungen irgendwie gerecht zu werden. Schulgottesdienste oder Besinnungstage wurden oder werden von den „religiösen Profis“ getragen, also von seelsorglichem Personal, vom Fachbereich Religion oder von einer langsam alternden Garde noch katholisch sozialisierter Lehrender.

Unter diesem Mäntelchen aber kam es vielerorts zu einer zunehmenden, durch das Machtgefälle verdeckten Entfremdung zwischen den „amtlichen“ Erwartungen und der schulischen Realität, in die Schulleitungen, Lehrende und Eltern an den Schulen gestellt waren. Unterricht und Erziehung werden zunehmend von Lehrenden getragen, die selbst in dieser fluiden Situation sozialisiert wurden.

Sie kennen und schätzen die Freiheit und wehren sich mit passivem Widerstand gegen die überkommene katholische Bildung, die sie als indoktrinierend erfahren. Und sie spüren die Uneindeutigkeit und die Überforderung durch eine offene Gesellschaft, welche die Einzelnen vor Fragen nach Sinn und Ethos stellt, ohne ihnen Kriterien und Konzepte für eine spirituelle, ethische und weltanschauliche Orientierung zu geben. Sie müssen also mit dem Gefühl leben, nur begrenzt einen Beitrag zum offiziellen Profil der Institution leisten zu können. Manche gehen in die innere Emigration. Sie verstehen sich als reine „Fachlehrerinnen und -lehrer“.

Die „Expertenfalle“ ist zugeschnappt! Für das religiöse Profil sind nur noch Träger, Schulleitung und Profis zuständig. So aber lässt sich in Unterricht und Erziehung nicht einlösen, was viele katholische Schulen als ihren Beitrag zur Schulbildung in Deutschland auf die Fahnen schreiben: junge Menschen als ganze Person sehen und fördern.

Und dies in einer Gemeinschaft, die auf gemeinsamen Werten und Überzeugungen beruht und die Schülerinnen und Schüler auf ein Engagement in der Gesellschaft vorbereitet. Noch weniger lässt sich mit den Budgets, die den meisten Schulen zur Verfügung stehen, eine Schulbildung umsetzen, die alle jungen Menschen fördert, und nicht nur solche, die entweder ohnehin große Begabungen mitbringen oder ein Elternhaus, das in der Lage ist, die eigenen Kinder privat und neben der Schule zu fördern.

Schule Jesuiten

Es ist bemerkenswert, mit welcher Klarheit die Instruktion solche Engführungen zurückweist: Weder formale Fragen der Trägerschaft noch die primäre Ausrichtung auf die Bildung von katholischen Kindern oder das Vorhandensein einer Schulseelsorge mit Einkehrtagen und Schulgottesdiensten reichen aus, um ein positiv ausgefülltes katholisches Profil von Schulbildung zu beschreiben. Die Frage ist vielmehr: Welchen substanziellen Dienst leistet die Kirche durch ihre Schulen heute am Menschen und an der Gesellschaft? Die katholische Schulbildung hat auf eine für sie charakteristische und mit anderen pastoralen Feldern nicht vergleichbaren Weise Teil an der Sendung der Kirche. Sie verkörpert die Kirche als „Lehrerin“. Ihr Auftrag ist, mitzuwirken an der Bildung von Menschen und von Menschheit. Und diesen Auftrag hat sie eben nicht nur im Blick auf „katholische Klientel“, sondern auf alle jungen Menschen, die ein Recht auf Bildung haben, insbesondere auf die Schwächsten unter ihnen.

Die katholische Kirche in Deutschland muss endlich erkennen: Ein substanzieller Beitrag zur Erziehung junger Menschen in der Schulbildung ist eine unverzichtbare Dimension ihrer Sendung. Es geht im Christentum nicht um nebulöse, „christliche Werte“ oder um Glaubenssätze, sondern um das, was Bischof Franz Kamphaus mit seinem Slogan umschrieb: Mach’s wie Gott, werde Mensch.

Kirche ist gefragt: denn der Druck steigt

Ein Beitrag der Kirchen ist auch heute gefragt. Denn die Schulen stehen unter massivem Druck funktionalistischer Interessen, etwa unter einem Leistungsdruck, der sich nicht zuletzt dem Diktat einer von der Ökonomie entlehnten einseitigen Orientierung an Output verdankt. Hinzu kommt eine sich immer weiter öffnende Zange wachsender Erwartungen von Dienstgebern und Eltern einerseits – es seien nur die Stichpunkte Ganztagsbetreuung, Inklusion und Integration, Digitalisierung genannt – und mangelnder finanzieller sowie personeller Ausstattung andererseits. Druck entsteht aber auch aus den wachsenden sozialen Spannungen und den weltanschaulichen Konflikten in der Gesellschaft, die sich niederschlagen in konfliktiven Erwartungen von Eltern an Schulen.

Kirchliche Schulbildung, die ihre Pädagogik transparent und dialogisch ausbuchstabiert vor dem Hintergrund des eigenen Welt- und Menschenbildes, kann hier einen modellhaften Beitrag leisten, wie sich auch heute unter den Vorzeichen der Diversität Förderung von Menschwerdung, also die Förderung von Persönlichkeitsbildung in einem umfassenden Sinne realisieren lässt. Menschen trauen, anders als auf anderen Feldern, hier der Kirche und ihren Schulen Relevanz und Kompetenz zu. Zu Recht! Menschwerdung ist christliches Hauptgeschäft!

Mit „Humanismus Plus“ hat das Zentrum für Ignatianische Pädagogik vor dem Hintergrund der Ignatianischen Pädagogik modellhaft versucht, zu buchstabieren, wie sich das Profil einer Pädagogik in der Tradition des christlichen Humanismus so entwickeln und schärfen lässt, dass es im Kontext einer von Diversität geprägten Gesellschaft einerseits verstanden, von Lehrenden mitgetragen – und andererseits von jungen Menschen bis hinein in säkulare Milieus als Bereicherung begriffen werden kann.

Auch hier gilt die schulische Devise: Wir müssen ganz von vorne anfangen. In einer Gesellschaft, in der viele Menschen zwar nach seelischer Nahrung hungern, in der aber vielfach die Zugänge zum Inneren verschüttet sind, braucht es vor jeder Bemühung um „Evangelisierung“ zunächst so etwas wie eine „Präevangelisierung“: Es braucht pädagogische Sorgfalt, um junge Menschen Schritt für Schritt an die Stille als Begegnungsraum mit sich selbst und mit Gott heranzuführen, Zugänge zum inneren Leben zu finden, um dann zu lernen, auf die Regungen der eigenen Seele zu lauschen.

Es braucht gute intellektuelle Schulung von Lehrenden, um die Engführungen eines naiv empiristischen Weltbildes aufzudecken. Dies wäre eine hochnotwendige Schule selbstständigen Denkens, nicht nur, um aufzuzeigen, dass es auch intellektuell Sinn macht, die Frage nach Gott aufzuzeigen. Es wäre auch ein Beitrag zu einer mehr denn je erforderlichen Aufklärung gegenüber einem naiven Empirismus, der notwendig Enttäuschungen produziert, um dann in den schieren Irrationalismus von Patchwork-Überzeugungen zu kippen, die nur noch dem Diktat eigener Bedürfnisse und Befindlichkeiten gehorchen. Und es braucht die Anstrengung um einen hermeneutischen Rahmen für das Feld der Charakterbildung, der geeignet ist, ausreichend und nicht beliebig ein christliches Ethos zu beschreiben, ohne sich durch implizite Voraussetzungen dem Verdacht der Indoktrination auszusetzen.

Gerade in einer Krisensituation wie der Situation der katholischen Kirche in Deutschland sollte sich Kirche auf Schulen als eines ihrer Kerngeschäfte konzentrieren. Denn hier kann sie lernen, sich in einer Welt zunehmender Diversität selbst zu orientieren, und zugleich einen substanziellen Beitrag zur humanen Entwicklung der Gesellschaft leisten.

Empfehlung: Herder Korrespondenz

Herder Korrespondenz

Dieser Artikel erschien erstmal in der Ausgabe 2022/5 in „Herder Korrespondenz. Monatshefte für Gesellschaft und Religion“.

Fotos: Headerbild © Tomml/istock.com; © Reiner/Istock.com, © jacoblund/istock.com


Tobias Zimmermann SJ

ist Priester, Pädagoge und Jesuit. Als Autor und als Mitbegründer des Zentrums für Ignatianische Pädagogik (ZIP), das er seit Oktober 2019 leitet, arbeitet Tobias Zimmermann an Projekten der Entwicklung der katholischen Schulbildung und Spiritualität, in der Schulentwicklung, im Coaching für Leitungskräfte und in der Fortbildung von Schulleitungen und Pädagogen. Seit Oktober 2019 ist er Direktor des Heinrich Pesch Hauses und wirkt mit an der Weiterentwicklung der Akademie im Bereich Online-Bildung, neue Schwerpunktthemen sowie an der Entwicklung der Heinrich Pesch Siedlung, einem Modellprojekt für soziale und ökologische Stadtentwicklung.

Foto: Stefan Weigand

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