fgm Bescheidung

Zusammenleben  

Kein Schnitt ins Leben einer Frau!

Zahl der von weiblicher Genitalverstümmelung bedrohten Mädchen und Frauen wächst

„Do you remember me?“, fragt der Titel des Dokumentarfilms der Aktivistin Sara Aduse auf dem 22. Filmfest FrauenWelten von TERRE DES FEMMES (TDF) Ende Oktober dieses Jahres. Die junge Züricherin wurde als Siebenjährige in Äthiopien an ihren Genitalien verstümmelt, als junge Erwachsene sucht sie ihre Beschneiderin persönlich auf. In Äthiopien werden – trotz staatlichen Verbots 2007 – noch immer zahllose Mädchen beschnitten. Vor Ort führt Aduse viele Gespräche, spricht mit Menschenrechtsaktivist*innen, fragt Befürworter*innen nach ihrer Motivation und Betroffene nach ihren Gefühlen.

Der Dokumentarfilm verdeutlicht die Vielschichtigkeit der Thematik und spiegelt zugleich die Vielschichtigkeit des Kampfes gegen die Weibliche Genitalverstümmelung wider: Verständnis von Relevanz und Dramatik, sorgfältige Recherche, persönliche Begegnungen, Abwehren des Vorwurfs des Kulturrelativismus, ortsübergreifende Sensibilisierung und Aufklärungsarbeit, die zentrale Rolle von Multiplikator*innen.

Plakat Film Do you remember me

Eine zutiefst frauenfeindliche Praktik

Weibliche Genitalverstümmelung, kurz FGM (aus dem Englischen „Female Genital Mutilation“), bezeichnet eine zutiefst frauenfeindliche Praktik, bei der Teile des weiblichen Genitals abgeschnitten oder verletzt werden.  

FGM verstößt gegen das Menschenrecht auf körperliche und seelische Unversehrtheit und gilt als Kindesmisshandlung gemäß der Kinderrechtskonvention.

Die Klitoris und oft zusätzlich die äußeren Schamlippen eines Mädchens werden ohne medizinischen Grund entfernt. Bei der schwersten Form, auch Infibulation genannt, werden alle äußerlich sichtbaren Teile des weiblichen Genitals, einschließlich der inneren Schamlippen, entfernt. Anschließend werden die Wunden vernäht. FGM ist in allen Fällen irreparabel.

FGM hat gravierende Folgen wie starke Schmerzen, übermäßige Blutungen, Infektionen, Probleme beim Urinieren und Menstruieren, ein erhöhtes Risiko für eine HIV-Übertragung, Geburtskomplikationen mit Todesfolgen sowohl für Mutter als auch Kind. Dieses hochgradig traumatisierende Erlebnis begleitet die meisten Frauen ein Leben lang.

Warum wird FGM praktiziert?

FGM wird als Teil der Kultur bezeichnet und gilt als Voraussetzung für Ehe, Mutterschaft und gesellschaftliche Ordnung. Sich gegen sie zu entscheiden, bedeutet, nicht dazuzugehören, die Tradition zu verraten. FGM soll dazu dienen, die Jungfräulichkeit eines Mädchens und später die eheliche Treue einer Frau zu garantieren. Aus Sicht von TERRE DES FEMMES (TDF) hat FGM vor allem eine Funktion: die Sexualität von Frauen und Mädchen zu kontrollieren, was über die Verminderung der sexuellen Lust erreicht wird.

Aktuellen Angaben von UNICEF zufolge sind weltweit mehr als 200 Millionen Mädchen und Frauen von FGM betroffen. In der EU leben eine halbe Million Mädchen und Frauen, die selbst oder deren Eltern aus FGM-praktizierenden Ländern zugewandert sind.

Auch in Deutschland sind also Mädchen dem akuten Risiko ausgesetzt, heimlich hierzulande oder im Ausland an ihren Genitalien verstümmelt zu werden.

Laut der aktuellen Dunkelziffer-Schätzung von TDF leben in Deutschland bis zu 103.947 von weiblicher Genitalverstümmelung betroffene Mädchen und Frauen und bis zu 17.721 akut gefährdete Mädchen! In den letzten Jahren verzeichnen die Zahlen der von FGM betroffenen und bedrohten Mädchen und Frauen einen großen Anstieg. Es besteht dringender Handlungsbedarf, um bedrohte Mädchen zu schützen und eine bessere Versorgung betroffener Frauen zu ermöglichen.

Einsatz für die Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung

TDF setzt sich auf verschiedenen Wegen für die Abschaffung der weiblichen Genitalverstümmelung ein: TDF geht mit aufmerksamkeitsstarken Kampagnen an die Öffentlichkeit, klärt in Schulen und Fortbildungen für Fachkräfte auf, arbeitet aktiv mit betroffenen Diaspora-Communities in Deutschland zusammen und bildet hier Multiplikator*innen aus. Diese stoßen nicht nur vor Ort in Deutschland, sondern durch den Austausch mit Freund*innen und Familie auch in ihren Herkunftsländern ein Umdenken und einen nachhaltigen Wandel an. Die Zusammenarbeit mit betroffenen Diaspora-Communities hat sich als besonders erfolgversprechend erwiesen. Sie wurde von der Europäischen Kommission als Best-Practice-Beispiel anerkannt.

TDF unterstützt Partnerorganisationen in Burkina Faso und Sierra Leona bei der Überwindung weiblicher Genitalverstümmelung und dem akuten Schutz von Mädchen. TDF ist außerdem Kooperationspartnerin der Berliner Koordinierungsstelle gegen FGM_C.

FGM wird mittlerweile international als Form von Gewalt gegen Mädchen und Frauen und als Manifestation der Ungleichheit der Geschlechter anerkannt. Trotzdem gibt es FGM noch und macht die Gesundheit, Seele und Zukunft so vieler Mädchen und Frauen zunichte. Jeden einzelnen Tag.

Deshalb ist es so wichtig, den betroffenen und gefährdeten Mädchen und Frauen eine Stimme zu geben und über diese schädliche Tradition zu sprechen, so wie es Sara Aduse tut.

Orange the World

Orange The World! 

Die UN-Kampagne „Orange The World“ macht seit 1991 auf Gewalt aufmerksam: Vom Internationalen Tag zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen am 25. November bis zum 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte. Sie ist seit 2008 Teil der „UNITE the End Voilence against Women“-Kampagne des UN-Generalsekretärs, die von UN Women durchgeführt wird. Während der 16. Aktionstage zeigen Menschen, Organisationen, Unternehmen, Regierungen und Städte mit der Farbe Orange ihre Solidarität und die Nulltoleranz von Gewalt gegen Frauen.


Christa Stolle

ist geschäftsführende Vorständin von TERRE DES FEMES (TDF). Sie studierte Ethnologie und Empirische Kulturwissenschaften. Sie war nahezu von Beginn an bei (TDF) tätig, zunächst ehrenamtlich im Vorstand und in der Städtegruppe Tübingen. Sie gründete die Geschäftsstelle in Tübingen und führt seit 1990 hauptamtlich den gemeinnützigen Verein, seit 2011 von Berlin aus. Stolle formte die Frauenrechtsarbeit von TDF maßgeblich und baute kontinuierlich neue Arbeitsfelder auf. Schon in der Anfangsjahren gründete sie das Referat „Frauenrechte in islamischen Gesellschaften“ welches später umbenannt wurde in „Gewalt im Namen der Ehre“. Auch die seit 2001 bundesweit stattfindende Fahnenaktion von TDF zum Internationalen Tag „NEIN zu Gewalt an Frauen!“ geht auf ihre Initiative zurück. 2004 übernahm sie auch die Geschäftsführung für die TERRE DES FEMMES Stiftung. Sie ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes (2013) und des Verdienstordens des Landes Berlin (2019).

Foto: ©Gesine Born

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