Kirche Frauen Katholisch

Sinn  

Die Verwirklichung einer Utopie

Auf den Spuren einer „Kirche mit den Frauen“

Das Reisen ist nicht einfach in diesen Tagen; der Wunsch, andere Welten zu entdecken aber umso größer. Mit großem Hunger nach Neuem reisten Frauen aus dem Bistum Speyer Anfang Juli durch die Schweiz. Digital — aber nicht weniger interessiert und abenteuerlustig wie auf einer „realen“ Reise. Die Reisegesellschaft war unterwegs auf den Spuren einer „Kirche mit den Frauen“, die in der Schweiz schon einen Grad von Verwirklichung erreicht hat, die in den deutschen Bistümern noch nach weit entfernter Zukunftsmusik klingt.

„Kirche mit den Frauen“ ist dabei nicht nur als programmatische Überschrift über die Reise als ganze zu lesen, sondern war eines der konkreten Reiseziele. Die Initiative „Kirche mit * den Frauen“ ist aus einem Pilgerweg nach Rom entstanden, auf dem tausende Frauen vor einigen Jahren nach Rom pilgerten, um ihrem Wunsch nach gleichberechtigtem Zugang zu allen Ämtern Ausdruck zu verleihen. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Nein, sie wurden nicht empfangen und konnten ihre Bitten auch nur durch einen Vermittler an Papst Franziskus weiterreichen. Trotzdem lassen sich die Frauen nicht entmutigen. Ein starkes Netzwerk setzt sich weiterhin für das hohe Ziel ein.

Zu ihnen gehören die Junia-Initiative oder auch das Catholic Women’s Council. Im Gebet begleiten die Schwestern des Klosters Fahr die Forderungen. Ihr „Donnerstagsgebet“ ist zwischenzeitlich selbst zur Bewegung geworden. Mit Priorin Irene steht eine bodenständige, selbstbewusste und zielstrebige Frau für eine Verwirklichung von Gleichberechtigung in der katholischen Kirche ein. Ihr Segen war wohl eines der wertvollsten Erinnerungsstücke, das wir Frauen aus dem Bistum Speyer von unserer Schweizreise mitgebracht haben.

Vieles ist schon jetzt möglich

Neben dem Segen liegt in unserem Reisekoffer aber auch die Erfahrung, dass vieles schon jetzt möglich ist, auch ohne Frauenordination: Viel mehr jedenfalls, als in den katholischen Bistümern in Deutschland. In der Schweiz bewerben sich Theologinnen und Theologen um die Leitung einer Gemeinde. Angestellt werden sie bei der Gemeinde selbst – nicht etwa beim Bistum. Mit der Gemeindeleitung verbunden ist auch die Befugnis, die Taufe zu spenden, der Eheschließung zu assistieren, zu beerdigen und zu predigen.

Gemeindeleitende sind demokratisch gewählt, müssen wiedergewählt werden und insofern der Gemeinde Rechenschaft ablegen über ihre seelsorgliche Arbeit.

Die Kirchgemeinde – demokratisches Gremium auf kommunaler Ebene – verfügt über einen Großteil der vor Ort entrichteten Kirchensteuermittel. Was sehr schnell deutlich war: Die katholische Kirche in der Schweiz ist beispielhaft dafür, wie eine demokratische Struktur, eine klare Ausrichtung an Kompetenzen, gleicher Zugang zu Leitungsämtern und eine bedürfnisorientierte Seelsorge gewährleitet sein können – ohne vom Glauben und der katholischen Kirche abzufallen oder eine „zweite Reformation“ anzuzetteln, wie es der katholischen Kirche in Deutschland im Zuge des Synodalen Weges vorgeworfen wird. Das ist möglich, weil die Prinzipien der katholischen Soziallehre im Miteinander von Staat und Kirche auf beeindruckende Weise zur Anwendung kommen. Daraus ergibt sich das Lernpotential für die katholische Kirche in Deutschland.  

Subsidiarität

Kirche ist nach schweizerischem Verständnis zunächst einmal Kirche vor Ort und organisiert sich darüber hinaus – quasi in Ergänzung zur lokalen Ebene – weltkirchlich. Was vor Ort geregelt werden kann, wird auch hier geregelt. Aus den Bedürfnissen vor Ort, der demokratischen Struktur der Kirchgemeinden und dem Wunsch nach kompetenzorientierter Besetzung von Gemeindeleitungsstellen ergibt sich ein gleichberechtigter Zugang für Frauen und Männer zu eben diesen Funktionen. Die Möglichkeiten des Kirchenrechts werden dabei maximal ausgeschöpft und werden zu Gunsten der staatlichen Maßgabe, eine demokratische Grundstruktur zur schaffen, um Kirchensteuer erheben zu können, liberal interpretiert.

Im Klartext bedeutet das im Übertrag auf Deutschland: Deutsche Diözesen und Bischöfe können nicht ohne weiteres auf „Rom“ verweisen und die Verantwortung damit auf die nächsthöhere Ebene abschieben. Sie stehen in direkter kirchenpolitischer Verantwortung: Es ist mehr möglich – nicht alles, aber deutlich mehr – und es gilt: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Sollte sich hier nicht in absehbarer Zeit etwas verändern, liegt das auch am Willen der Ortsbischöfe. Anders ist der direkte Vergleich mit der Schweiz und den Gegebenheiten dort nicht erklärbar.   

Personalität

Der Mensch ist einmalig und individuell geschaffen. Seine Freiheit ist eine Freiheit der Person. Die Freiheit ermöglicht verantwortungsvolles Handeln. Sie ermöglicht aber auch eine freie Entscheidung über die Gestaltung des eigenen Lebens. Das ist aktuell für Frauen in der Kirche nicht möglich: Es gibt keine Möglichkeit, sich für das Weiheamt zu entscheiden und damit verbunden keine Möglichkeit, Leitung auf oberster Ebene wahrzunehmen.

Frauen Kirche

Der Mensch hat aufgrund der Gotteskindschaft nicht nur einen Wert, sondern eine unantastbare Würde. Zur Würde gehört es, nicht diskriminiert zu werden. Dass es sich bei der Entwicklung von Strategien gegen die geschlechterbezogenen Diskriminierung um eine globale Frage handelt, machen die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung deutlich, in deren Liste die „Geschlechtergerechtigkeit“ auf Platz 5 rangiert. Insofern ist die Frage nach der Frauenordination sicher richtig auf weltkirchlicher und damit globaler Ebene angesiedelt.

Nichtsdestotrotz nehmen katholische Frauen und Männer in der Schweiz das Heft des Handelns in die Hand. Sie nutzen die ihnen durch Gott zugesagte Würde und Freiheit, um zu leben, was im Sinne des Evangeliums als wertvoll und gut gelten muss: Ein gleichberechtigtes Miteinander.

Solidarität

Solidarität lässt sich nicht erzwingen, sie ist aber originärer Auftrag Jesu an seine Jüngerinnen und Jünger. In ihrer Predigt im Abschlussgottesdienst der Schweizreise zitierte Gemeindeleiterin Elke Kreiselmayer den Kantschen Gedanken einer Pflicht, die zur Neigung wird. In den Fragen von Gewaltenteilung und Gleichberechtigung in der katholischen Kirche zeigen sich die Bischöfe solidarisch, wenn sie aus Überzeugung Macht abgeben und damit Türen öffnen.

In der Schweiz geschah das nicht nur freiwillig, sondern auch, weil der Staat einen Machtverzicht einforderte. Darauf sollten wir in Deutschland nicht warten. Ein freiwilliger Machtverzicht der Männer, der Kleriker der Kirche, der Bischöfe als Ausdruck der Solidarität mit den Frauen weltweit ist möglich. Dabei geht es nicht nur um Solidarität in der Frage nach Ämtern für alle. Es geht um die Frage nach Gerechtigkeit, es geht um mehr Schutz vor Übergriffen, um Familien- und Gesellschaftsstrukturen, um Bildungschancen für Mädchen und vieles mehr.

Geschätzte Kollegen Bischöfe: Ihr habt die Möglichkeiten. Ihr müsst sie nutzen. Wir legen gerne unseren Teil dazu, aber wir entlassen euch nicht aus dieser Verantwortung.

Fotos: © ndanko/photocase.com, © Timmitom/photocase.com


Katharina Goldinger

Theologin und Pastoralreferentin im Bistum Speyer, Religionslehrerin an einem Speyerer Gymnasium und Ansprechpartnerin für den Synodalen Weg im Bistum Speyer, sehr gerne in digitalen (Kirchen-)Räumen unterwegs, ehrenamtlich im Team der Netzgemeinde da_zwischen aktiv.

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